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Tiefe Steuern

Tiefe Steuern sind kein Privileg – sie sind ein Erfolgsmodell. Sie fördern Wachstum, belohnen Leistung und finanzieren den Staat nachhaltiger als jede Steuererhöhung.

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Wer Ende Monat seine Lohnabrechnung anschaut, sieht auf einen Blick, was vom Bruttolohn übrig bleibt. In der Schweiz sind das im Schnitt 77 Prozent – in Deutschland 52 Prozent, in Belgien gar nur 48 Prozent. Ein Schweizer Angestellter mit 80'000 Franken Jahreslohn behält nach Steuern und Abgaben rund 61'600 Franken. Sein deutscher Kollege mit vergleichbarem Gehalt kommt auf rund 41'600 Franken. Die Abgabenquote eines alleinstehenden Arbeitnehmers beträgt in der Schweiz 22,9 Prozent der gesamten Lohnkosten – der OECD-Durchschnitt liegt bei 35,1 Prozent (OECD, 2025). Die Schweiz ist nicht trotz tiefer Steuern wohlhabend. Sie ist es wegen tiefer Steuern.

1. Was die Schweiz anders macht – ein Blick auf die Zahlen

Die Schweiz gehört zu den am tiefsten besteuerten Industriestaaten der Welt – und gleichzeitig zu den reichsten. Das ist kein Zufall.

Die Fiskalquote – also die Summe aller Steuern und Sozialabgaben im Verhältnis zum BIP – lag 2023 bei 31,4 Prozent. Der OECD-Durchschnitt betrug 33,9 Prozent (OECD, 2025). Für Familien fällt der Unterschied noch deutlicher aus: Die Abgabenquote für Doppelverdiener mit Kindern liegt bei 17,1 Prozent – nur Neuseeland und Chile schneiden besser ab. Die Mehrwertsteuer beträgt 8,1 Prozent – der tiefste Normalsatz in ganz Europa. In der EU reicht die Spanne von 16 Prozent (Luxemburg) bis 27 Prozent (Ungarn).

Gleichzeitig liefert der Schweizer Staat zuverlässig: erstklassige Infrastruktur, ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, Sicherheit, funktionierender öffentlicher Verkehr. Die Staatsquote liegt bei 31,0 Prozent des BIP (EFV, 2024) – deutlich unter dem europäischen Schnitt. Weniger Staat heisst hier nicht schlechterer Staat. Es heisst effizienterer Staat.

Kernaussage: Die Schweiz besteuert weniger als fast alle Industriestaaten – und leistet trotzdem mehr. Tiefe Steuern und hohe Lebensqualität schliessen sich nicht aus.

2. Warum tiefe Steuern wirtschaftsförderlich sind

Die Schweiz belegt im Heritage Index of Economic Freedom 2025 den ersten Rang weltweit – mit 84 von 100 Punkten (Heritage Foundation, 2025). Kein anderes Land verbindet tiefe Steuern, offene Märkte und starke Eigentumsrechte so konsequent. Das Ergebnis: ein BIP pro Kopf von 82'026 US-Dollar (Kaufkraftparität), Rang 8 weltweit und 462 Prozent des globalen Durchschnitts (Weltbank, 2024).

Der Zusammenhang zwischen Steuerlast und Wirtschaftsleistung ist nicht theoretisch – er lässt sich in der Schweiz empirisch belegen. Brülhart und Schmidheiny (2024) zeigen: Zwischen 1975 und 2021 senkten die Kantone ihre durchschnittlichen Gewinnsteuersätze von 27 auf 15 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg der Anteil der Firmengewinne am BIP von 8 auf 22 Prozent. Tiefere Steuern haben die Steuerbasis nicht geschmälert – sie haben sie verbreitert.

Das ist kein Schweizer Sonderfall. Die ökonomische Logik ist klar: Tiefe Steuern erhöhen die Rendite von Investitionen. Höhere Renditen ziehen Kapital an. Mehr Kapital bedeutet mehr Arbeitsplätze, höhere Löhne und mehr Wertschöpfung. Die Steuereinnahmen steigen – nicht trotz, sondern wegen tieferer Sätze.

Kernaussage: Tiefere Steuern erzeugen mehr Wertschöpfung und verbreitern die Steuerbasis. Die Schweizer Kantone haben das über Jahrzehnte bewiesen: Weniger Steuersatz, mehr Steuerertrag.

3. Die Mehrwertsteuer – warum 8,1 Prozent genug sind

Die Schweizer Mehrwertsteuer von 8,1 Prozent ist die tiefste in Europa. In Deutschland liegt sie bei 19 Prozent, in Frankreich bei 20, in Schweden bei 25, in Ungarn bei 27 Prozent (ESTV, 2025). Das bedeutet: Für jeden Franken, den ein Schweizer Haushalt ausgibt, bleibt mehr Kaufkraft übrig.

Grafik 1
Mehrwertsteuer-Normalsatz im Vergleich
Schweiz vs. ausgewählte europäische Länder, 2025. Die Schweiz hat den tiefsten Normalsatz Europas.
Schweiz: 8,1 %
Deutschland: 19 %
Ungarn: 27 %
Quelle: ESTV (2025); EU-Kommission.

Konsumsteuern wie die Mehrwertsteuer treffen alle Einkommensgruppen proportional – und belasten damit Geringverdiener relativ stärker als Gutverdiener. Eine tiefe Mehrwertsteuer ist deshalb die sozialste aller Steuersenkungen. Sie entlastet jene am meisten, die den grössten Anteil ihres Einkommens für den täglichen Bedarf ausgeben: Lebensmittel, Kleider, Mobilität.

Die Kombination aus hohen Löhnen und tiefer Konsumsteuer erklärt, warum die Schweiz trotz hohem Preisniveau einen der höchsten realen Lebensstandards weltweit bietet. 2025 lag die Wirtschaftsleistung pro Einwohner 4,8 Prozent über dem Vorkrisenniveau von 2019 (SECO, 2025).

Wer die MwSt erhöhen will – sei es zur Finanzierung der AHV oder anderer Projekte – greift direkt in die Kaufkraft der Bevölkerung. Jeder Prozentpunkt MwSt-Erhöhung kostet die Schweizer Haushalte Milliarden. Das Geld fehlt beim Konsum, bei der Ersparnis, beim privaten Vermögensaufbau.

Kernaussage: Eine tiefe Mehrwertsteuer schützt die Kaufkraft aller – und entlastet Geringverdiener überproportional. Wer die MwSt erhöht, besteuert den Alltag.

4. Steuerwettbewerb – das Schweizer Erfolgsrezept

Der Steuerwettbewerb zwischen den 26 Kantonen ist kein Systemfehler – er ist das Kernstück des Schweizer Erfolgsmodells. Christoph Schaltegger, Direktor des Instituts für Schweizer Wirtschaftspolitik (IWP), bringt es auf den Punkt: «Kantone und Gemeinden legen ihre Steuertarife selbst fest, was den Schweizer Föderalismus effizienter macht» (Schaltegger, 2025).

Das Prinzip dahinter ist das Kongruenzprinzip: Wer entscheidet, zahlt – und trägt die politischen Konsequenzen. Wenn eine Gemeinde zu viel ausgibt, spüren die Steuerzahler es direkt. Wenn ein Kanton zu hoch besteuert, wandern Unternehmen und Steuerzahler ab. Dieses Korrektiv gibt es in zentralistischen Staaten nicht.

Grafik 2
Abgabenquote im OECD-Vergleich
Steuer- und Abgabenbelastung alleinstehender Arbeitnehmer 2024, in Prozent der Lohnkosten. OECD-Ø: 35,1 %.
Schweiz: 22,9 %
Deutschland: 47,9 %
Belgien: 52,7 %
Quelle: OECD Taxing Wages (2025).

Die Zahlen bestätigen die Wirkung. Die kantonalen Gewinnsteuersätze reichen von 11,85 Prozent (Zug) bis 20,54 Prozent (Bern) – eine Spanne, die Unternehmern echte Wahlmöglichkeiten bietet (PwC, 2024). In Zug stammt fast ein Drittel aller kantonalen Steuereinnahmen aus Unternehmenssteuern – ein Zeichen dafür, dass tiefe Sätze Firmen anziehen, statt Einnahmen zu vernichten (Schwarz, 2013).

Der Ökonom Lars Feld (2014) liefert die empirische Grundlage: Steuerwettbewerb führt nachweislich zu höherer Effizienz bei der Bereitstellung öffentlicher Güter. Kantone, die im Wettbewerb stehen, wirtschaften sparsamer – und liefern trotzdem.

Die direkte Demokratie verstärkt diesen Effekt. Jede Steuererhöhung muss die Hürde einer Volksabstimmung nehmen. 100'000 Unterschriften reichen für eine Volksinitiative, 50'000 für ein Referendum. Das macht unkontrollierte Ausgabenpolitik schwierig – und zwingt den Staat zu Disziplin.

Kernaussage: Der Wettbewerb zwischen den Kantonen zwingt den Staat zur Sparsamkeit und belohnt die Bürger mit besseren Leistungen zu tieferen Kosten. Wer diesen Wettbewerb einschränkt, schwächt die Schweiz.

5. Tiefe Steuern sind gerecht

Der häufigste Vorwurf gegen tiefe Steuern lautet: Sie begünstigen die Reichen. Die Daten zeigen das Gegenteil.

In der Schweiz zahlen die einkommensstärksten 10 Prozent der Steuerpflichtigen mehr als die Hälfte aller Einkommenssteuern. Das reichste 1 Prozent allein trägt 24 Prozent bei (ESTV/SRF, 2023). Im Kanton Zürich erzielen rund 2 Prozent der Steuerpflichtigen ein Einkommen von über 300'000 Franken – und tragen 27 Prozent zum gesamten Steuerertrag bei.

Die Progression im Schweizer Steuersystem ist stark. Wer 200'000 Franken verdient, zahlt nicht doppelt so viel Steuern wie jemand mit 100'000 Franken – sondern mindestens dreimal so viel. Hinzu kommt eine Besonderheit, die es weltweit fast nirgends gibt: die Vermögenssteuer. Die Schweiz besteuert nicht nur Einkommen, sondern auch Vermögen – eine zusätzliche Umverteilungskomponente.

Gerechtigkeit bedeutet aber nicht nur Umverteilung. Gerechtigkeit bedeutet auch: Wer arbeitet, investiert und Risiken eingeht, darf den Ertrag seiner Leistung behalten. Das Leistungsprinzip ist kein Widerspruch zur Solidarität – es ist ihre Voraussetzung. Nur wer Leistung zulässt, kann von ihr umverteilen.

Tiefe Steuern vertreiben keine Reichen – sie halten sie im Land. Und das ist entscheidend: Solange die Leistungsträger in der Schweiz bleiben, finanzieren sie den Sozialstaat mit. Wer die Steuern so hoch treibt, dass Hochqualifizierte und Vermögende abwandern, verliert nicht nur Steuersubstrat – er verliert Arbeitsplätze, Innovation und Kaufkraft.

Kernaussage: Das Schweizer Steuersystem ist progressiv, leistungsgerecht und finanziert den Sozialstaat verlässlich. Tiefe Steuern halten die Leistungsträger im Land – und sichern damit die Einnahmen für alle.

6. Die stärksten Gegenargumente – und was sie wert sind

«Tiefe Steuern führen zum Abbau des Service public.» – So argumentieren SP, Grüne und Gewerkschaften regelmässig. Die Schweiz widerlegt dieses Argument täglich. Trotz einer der tiefsten Fiskalquoten der OECD (31,4 Prozent) bietet sie erstklassige Infrastruktur, ein dichtes ÖV-Netz, hohe Sicherheit und ein leistungsfähiges Bildungssystem. Der Zusammenhang zwischen Steuerquote und Qualität öffentlicher Leistungen ist schwach – entscheidend ist die Effizienz der Mittelverwendung, nicht deren Volumen. Die Schweiz gibt weniger aus und liefert mehr.

«Steuerwettbewerb ist ein Wettlauf nach unten – am Ende kann kein Kanton seine Aufgaben mehr finanzieren.» – Diese These vertritt unter anderem die SP Schweiz. Die Empirie zeigt das Gegenteil. Seit 1975 sind die kantonalen Gewinnsteuersätze von 27 auf 15 Prozent gesunken – gleichzeitig stiegen die Steuereinnahmen real. In Zug, dem Kanton mit den tiefsten Steuern, stammt ein Drittel der Einnahmen aus Firmensteuern (Schwarz, 2013). Der Finanzausgleich (NFA) fängt strukturelle Unterschiede auf, ohne den Wettbewerb zu eliminieren (Wirtschaftsdienst, 2024). Ein Wettlauf nach unten findet nicht statt – wohl aber ein Wettlauf um Effizienz.

«Nur die Reichen profitieren von tiefen Steuern.» – Ein Argument, das in der politischen Debatte häufig fällt. Die Zahlen widersprechen dem. Die tiefe Mehrwertsteuer (8,1 Prozent) entlastet Geringverdiener überproportional, weil diese einen grösseren Anteil ihres Einkommens für den Konsum ausgeben. Die progressive Einkommenssteuer sorgt dafür, dass die Top 10 Prozent über 50 Prozent der Steuerlast tragen. Und tiefe Steuern halten Unternehmen im Land, die Arbeitsplätze schaffen – von denen alle profitieren, nicht nur Aktionäre.

«Die Schweiz kann sich tiefe Steuern nur wegen der Finanzbranche leisten.» – Eine verbreitete Vereinfachung. Der Finanzsektor macht rund 9 Prozent des Schweizer BIP aus – ein wichtiger, aber kein dominanter Anteil. Die Schweiz ist auch Weltspitze in Pharma, Medizintechnik, Maschinenbau, Nahrungsmittel und Uhrenindustrie. Der Wohlstand fusst auf einer breiten industriellen Basis, nicht auf einem einzelnen Sektor. Die tiefen Steuern sind nicht das Ergebnis einer einzigen Branche – sie sind der Grund, warum sich viele Branchen hier ansiedeln.

7. Was zu tun ist

Erstens — Steuererhöhungen auf Bundesebene konsequent ablehnen. Jede Erhöhung der MwSt oder der direkten Bundessteuer schwächt die Kaufkraft und den Standortvorteil. Die AHV-Finanzierung muss über strukturelle Reformen erfolgen – nicht über höhere Steuern.

Zweitens — Den kantonalen Steuerwettbewerb stärken statt einschränken. Bundesweite Steuerharmonisierungen und übermässige Finanzausgleichs-Abschöpfungen unterlaufen den föderalen Wettbewerb. Kantone müssen die Freiheit behalten, ihre Steuersätze eigenständig festzulegen.

Drittens — Die Schuldenbremse als Garant für Haushaltsdisziplin verteidigen. Die Schweizer Schuldenbremse hat seit 2003 dafür gesorgt, dass die Bundesschulden real gesunken sind – ein Erfolgsmodell, das andere Länder beneiden. Jeder Versuch, sie aufzuweichen, öffnet die Tür für ungebremste Ausgabenpolitik.

Viertens — Die Staatsquote unter 33 Prozent halten. Neue Subventionen, Transferprogramme und Bürokratie treiben die Staatsquote nach oben. Jede neue Ausgabe muss durch Einsparungen an anderer Stelle kompensiert werden – nicht durch höhere Steuern.

Fazit

Die Schweiz steht nicht vor der Wahl zwischen tiefen Steuern und einem funktionierenden Staat. Diese Gegenüberstellung ist falsch. Das Schweizer Modell beweist seit Jahrzehnten: Tiefe Steuern und hohe Lebensqualität bedingen sich gegenseitig. Der Steuerwettbewerb zwingt zur Effizienz, die Progression sorgt für Gerechtigkeit, die direkte Demokratie verhindert Exzesse.

Wer höhere Steuern fordert, muss erklären, warum ausgerechnet das erfolgreichste Modell der Welt geändert werden soll. Die Zahlen sprechen für sich: Rang 1 bei der Wirtschaftsfreiheit, Rang 8 beim Wohlstand, eine Fiskalquote unter dem OECD-Schnitt – und trotzdem ein Service public, der seinesgleichen sucht.

Tiefe Steuern sind kein Privileg für wenige. Sie sind das Fundament des Wohlstands für alle. Die Schweiz sollte dieses Fundament stärken – nicht untergraben.

Literatur

Brülhart, M. & Schmidheiny, K. (2024). Intensiver Steuerwettbewerb trotz Umverteilung. Die Volkswirtschaft.
Eidgenössische Finanzverwaltung EFV (2024). Öffentliche Finanzen der Schweiz 2023–2024.
Eidgenössische Steuerverwaltung ESTV (2025). MWST-Steuersätze Schweiz.
Feld, L. P. (2014). Fiskalischer Föderalismus in der Schweiz. Bertelsmann Stiftung.
Heritage Foundation (2025). 2025 Index of Economic Freedom: Switzerland.
OECD (2025a). Revenue Statistics 2025: Switzerland.
OECD (2025b). Taxing Wages 2025.
PwC Schweiz (2024). Steuervergleich Schweiz 2024.
Schaltegger, C. (2025). Schweizer Föderalismus als Vorbild: Geringere Steuern, hohe Leistung. Der Pragmaticus.
Schwarz, G. (2013). Eine kleine Lektion zum Steuerwettbewerb. Neue Zürcher Zeitung.
Staatssekretariat für Wirtschaft SECO (2025). Schweizer BIP 2024.
Weltbank (2024). GDP per capita, PPP: Switzerland.
Wirtschaftsdienst (2024). Etabliert und erfolgreich: der Finanzausgleich der Schweiz. Wirtschaftsdienst, 104(11).