Wer heute in Zürich eine 3-Zimmer-Wohnung sucht, braucht vor allem eines: Geduld. Der Leerstand liegt unter einem Prozent, auf jede freie Wohnung kommen über hundert Bewerbungen. In Zug findet man noch weniger – dort beträgt die Leerwohnungsziffer 0,39 Prozent. Die Schweiz ist voll, und sie wird immer voller.
Seit dem Inkrafttreten der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 ist die ständige Wohnbevölkerung um rund 1,5 Millionen Menschen gewachsen – fast ausschliesslich durch Zuwanderung. Das hat die Schweiz auf dem Papier reicher gemacht: Das Bruttoinlandprodukt steigt, die Steuereinnahmen wachsen. Im Alltag aber spüren die Menschen etwas anderes: steigende Mieten, überfüllte Züge, verschwindende Kulturlandschaft. Der Wohlstand pro Kopf ist kaum gewachsen.
Dieser Text legt die Fakten offen. Er benennt die Kosten des unkontrollierten Wachstums und zeigt, warum die Schweiz eine gezielte Steuerung der Zuwanderung braucht – nicht aus Fremdenfeindlichkeit, sondern aus Verantwortung gegenüber den Menschen, die hier leben.
1. Wie wir hierher gekommen sind
Am 1. Juni 2002 trat das Freizügigkeitsabkommen mit der EU in Kraft. Seither hat sich der Charakter der schweizerischen Zuwanderung grundlegend verändert. Vor dem Abkommen wanderten jährlich rund 20 000 bis 30 000 Personen netto ein. Danach explodierten die Zahlen: Im Durchschnitt kamen seit 2002 rund 70 000 Personen pro Jahr mehr, als gingen. In Spitzenjahren waren es deutlich mehr.
2023 war ein Rekordjahr. Der Wanderungssaldo erreichte 139 100 Personen – ein Wert, den die Schweiz seit den 1960er-Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ein Teil dieses Anstiegs erklärt sich dadurch, dass Personen aus der Ukraine mit Schutzstatus S nach zwölf Monaten Aufenthalt zur ständigen Wohnbevölkerung gezählt werden. Doch auch ohne diesen Sondereffekt lag die Nettozuwanderung auf hohem Niveau.
2024 ging der Saldo zurück – auf rund 83 400 Personen. Das klingt nach Entspannung. Doch Wüest Partner ordnet ein: Dieser Wert liegt immer noch 28 Prozent über dem Zehnjahresdurchschnitt. Ende 2024 zählte die Schweiz 9 049 000 ständige Einwohnerinnen und Einwohner. Der Ausländeranteil betrug 27,4 Prozent. Gemäss der Prognose von Wüest Partner dürfte die Schweiz die 10-Millionen-Marke um das Jahr 2040 erreichen.
Die Grafik zeigt den langfristigen Trend: Bis auf wenige Ausnahmen – das Pandemiejahr 2020, die konjunkturelle Abkühlung 2019 – lag der Wanderungssaldo durchgehend bei 50 000 oder mehr. Der Ausreisser von 2023 fällt besonders ins Auge, doch selbst das «Korrekturen-Jahr» 2024 bleibt weit über dem historischen Normalwert.
Am 9. Februar 2014 nahm das Stimmvolk die Masseneinwanderungsinitiative mit 50,3 Prozent an. Artikel 121a der Bundesverfassung verlangt seither eigenständige Kontingente und Höchstzahlen. Der Bundesrat setzte den Verfassungsartikel nie vollständig um – aus Rücksicht auf die bilateralen Verträge mit der EU. Stattdessen führte er einen «Inländervorrang light» ein, eine Stellenmeldepflicht ohne Verbindlichkeit. Das Demokratiedefizit, das daraus entstand, wirkt bis heute nach.
2. Was das Wachstum kostet: Wohnen, Boden, Infrastruktur
Die Konsequenzen des Bevölkerungswachstums zeigen sich am deutlichsten auf dem Wohnungsmarkt. Jedes Jahr braucht die Schweiz Wohnraum für rund 86 000 neue Einwohnerinnen und Einwohner. Doch der Neubau hält nicht Schritt. 2022 entstanden 52 000 neue Haushalte, aber nur 41 000 neue Wohnungen. Diese Schere hat sich nicht geschlossen – sie öffnet sich weiter.
Die Leerwohnungsziffer ist seit 2020 von 1,72 Prozent auf 1,08 Prozent im Jahr 2024 gefallen – das vierte Jahr in Folge. Avenir Suisse beziffert die kritische Schwelle auf 1,15 Prozent. Darunter funktioniert der Markt nicht mehr: Mieter finden keine Alternativen, Vermieter spüren keinen Wettbewerbsdruck. Im Kanton Zug liegt die Ziffer bei 0,39 Prozent, in Genf bei 0,46 Prozent. In den urbanen Zentren ist die Wohnungssuche längst zum Wettbewerb geworden, bei dem Normalverdiener verlieren.
Die Mietpreise reagieren entsprechend. Helfer et al. (2023) zeigen, dass Zuwanderung die Wohnkosten in der Schweiz messbarer erhöht als in vergleichbaren europäischen Ländern. Die steigenden Mieten treffen vor allem jene, die ohnehin wenig haben: junge Familien, Alleinerziehende, Berufseinsteiger. Für sie wird die Schweiz zur Hochpreisinsel im eigenen Land.
Doch der Druck beschränkt sich nicht auf den Wohnungsmarkt. Jede neue Einwohnerin braucht eine Strasse, eine Schule, ein Spitalbett, Energie. Das Bundesamt für Raumentwicklung hält fest: Die Siedlungsfläche wächst proportional zur Bevölkerung. Die Schweiz baut sich Quadratmeter für Quadratmeter zu. Kulturland verschwindet, Naherholungsräume schrumpfen. Wer in den 1990er-Jahren im Mittelland aufwuchs, erkennt die Landschaft von damals nicht wieder.
Die SBB transportierten 2023 täglich 1,32 Millionen Reisende. Die Kapazitätsgrenzen sind auf vielen Strecken erreicht. Der Ausbauschritt 2035 ist beschlossen, aber bis dahin müssen die bestehenden Trassen genügen – für immer mehr Menschen. Auch der Energiebedarf steigt: Jeder neue Einwohner braucht Strom, Wärme, Mobilität. Die Schweiz will bis 2050 klimaneutral sein. Gleichzeitig wächst der Verbrauch schneller als die erneuerbaren Kapazitäten. Das passt nicht zusammen.
Die Kosten dieses Wachstums sind real. Aber sie verteilen sich ungleich. Wer Immobilien besitzt, profitiert von steigenden Preisen. Wer mietet, zahlt. Wer im Ballungsraum arbeitet, steht im Stau. Wer auf dem Land lebt, erlebt den Verlust von Flächen, die nie zurückkommen.
3. Was das Wachstum wirtschaftlich bringt – und was nicht
Die Zuwanderung hat der Schweiz wirtschaftlich genützt. Das absolute BIP ist gestiegen, die Steuereinnahmen haben zugenommen, Unternehmen finden Fachkräfte, die sie im Inland nicht rekrutieren können. Diese Vorteile sind real, und sie sollen hier nicht kleingeredet werden.
Aber sie erzählen nicht die ganze Geschichte. Das BIP pro Kopf – der eigentliche Wohlstandsindikator – ist seit dem Jahr 2000 inflationsbereinigt um 23 Prozent gestiegen. Das klingt ordentlich. Doch im europäischen Vergleich liegt die Schweiz damit im Mittelfeld. Deutschland hat im selben Zeitraum ein ähnlich hohes Pro-Kopf-Wachstum erreicht – bei deutlich tieferer Zuwanderung. Gemäss dem IWP der Universität Luzern hat die Zuwanderung lediglich 0,09 bis 0,15 Prozentpunkte zum jährlichen BIP-pro-Kopf-Wachstum beigetragen (Schaltegger et al., 2024). Der Grossteil des Wohlstandszuwachses geht auf Produktivitätssteigerungen zurück, nicht auf die zusätzliche Arbeitskraft.
2023 passierte etwas Ungewöhnliches: Das BIP pro Kopf schrumpfte um 0,4 Prozent – nicht wegen einer Rezession, sondern weil die Bevölkerung schneller wuchs als die Wirtschaft. Der Ökonom Mathias Binswanger fasste es prägnant zusammen: Der Wohlstand sinkt, weil die Zahl der Menschen schneller wächst als die Wirtschaftsleistung.
Ein ähnliches Muster zeigt sich beim Fachkräftemangel. Die hohe Zuwanderung bringt Fachkräfte – das ist unbestritten. Doch sie löst den Mangel nicht, sie verstetigt ihn. Studien zeigen, dass für jede bei einem exportorientierten Unternehmen geschaffene Stelle für eine zugewanderte Fachkraft 0,6 bis 1,4 Stellen im lokalen Gewerbe neu entstehen. Die Zuwanderer brauchen Wohnungen, Schulen, Ärzte, Coiffeure. Jede Zuwanderung erzeugt Folgebedarf – und damit weitere Zuwanderung. Die Spirale dreht sich, bis sich die Löhne international angeglichen haben.
Auch die AHV profitiert nur scheinbar. Die Zuwanderung lindert die strukturellen Probleme der Altersvorsorge kurzfristig, weil die Zuwanderer im Schnitt jünger sind und mehr einzahlen, als sie beziehen. Doch diese Momentaufnahme trügt. Über den gesamten Lebenszyklus hinweg beziehen die meisten Personen mehr aus der AHV, als sie einzahlen.
Pro Franken an Lohnbeiträgen erhalten EU-/EFTA-Bürger 1,76 Franken Rente, Drittstaatsangehörige über 2 Franken und Schweizer 1,83 Franken. Das Verhältnis ist bei allen Gruppen nahezu identisch. Die langfristige Finanzierung der AHV ist bei den aktuellen Beitragssätzen auf immer mehr Nettozuwanderung angewiesen – ein Schneeballsystem, das irgendwann kollabiert.
Ein weiterer Aspekt verdient Aufmerksamkeit: 60 Prozent der Schülerinnen und Schüler in der Schweiz haben einen Migrationshintergrund – der zweitstärkste Anteil aller OECD-Länder (BFS, 2023; OECD, 2018). Integration gelingt mehrheitlich, aber sie ist kein Selbstläufer. Sie erfordert Ressourcen, Aufmerksamkeit, Förderung. Und sie stellt Lehrkräfte vor Herausforderungen, die mit dem Tempo der Zuwanderung zunehmen.
Schliesslich bleibt das Demokratiedefizit. Am 9. Februar 2014 stimmte eine Mehrheit für die eigenständige Steuerung der Zuwanderung. Artikel 121a der Bundesverfassung ist geltendes Recht. Umgesetzt wurde er nie. Das ist kein Verwaltungsproblem – es ist ein Vertrauensbruch zwischen Volk und Regierung.
4. Die stärksten Gegenargumente – und was sie wert sind
Wer für eine Steuerung der Zuwanderung plädiert, muss sich mit den besten Gegenargumenten auseinandersetzen. Vier davon verdienen eine ehrliche Prüfung.
«Die AHV braucht Zuwanderer.»
Das stimmt kurzfristig. Aber langfristig stellt die Zuwanderung keine Lösung dar. Favre et al. (2023) zeigen: Über den gesamten Lebenszyklus ist das Verhältnis von Leistungen zu Beiträgen bei Zuwanderern und Einheimischen nahezu identisch. Die AHV-Problematik ist strukturell – mehr Menschen ändern die Gleichung nicht, sie vergrössern sie.
«Die Wirtschaft braucht Fachkräfte.»
Korrekt. Aber trotz zwei Jahrzehnten hoher Zuwanderung ist der Fachkräftemangel nicht verschwunden – er hat sich verstetigt (IWP, 2024). Das liegt an der Zuwanderungsspirale: Jede Fachkraft erzeugt Folgebedarf. Die Schweiz importiert Lösungen, statt sie auszubilden. Das mag operativ funktionieren, strategisch ist es ein Fehler.
«Lohndruck durch Zuwanderung ist ein Mythos.»
Für tiefqualifizierte Inländer trifft das weitgehend zu – die Evidenz für signifikanten Lohndruck ist in diesem Segment schwach. Anders sieht es bei den Hochqualifizierten aus: Hier erhöht die Zuwanderung den Wettbewerb spürbar. Avenir Suisse hat darauf hingewiesen, dass die Effekte je nach Arbeitsmarktsegment stark variieren. Ein pauschales «kein Lohndruck» ist also zu einfach.
«Eine Steuerung ist mit der EU nicht vereinbar.»
Dänemark, Kanada und Australien beweisen das Gegenteil. Dänemark hat innerhalb des EU-Rechts Spielräume genutzt, um seine Zuwanderung zu steuern. Kanada und Australien betreiben seit Jahrzehnten ein Punktesystem, das nach Qualifikation, Sprachkenntnissen und Bedarf selektiert. Die Schweiz hat mit der Schutzklausel im Freizügigkeitsabkommen ein Instrument, das sie bisher nie aktiviert hat. Die Frage ist nicht, ob Steuerung möglich ist – die Frage ist, ob der politische Wille dafür vorhanden ist.
5. Was zu tun ist
Die Schweiz braucht keine Abschottung. Sie braucht Steuerung. Vier Massnahmen stehen im Vordergrund.
Erstens: Die Schutzklausel im Freizügigkeitsabkommen aktivieren. Das FZA enthält Bestimmungen, die eine vorübergehende Begrenzung bei gravierenden wirtschaftlichen oder sozialen Schwierigkeiten ermöglichen. Die Schweiz hat diese Klausel nie eingesetzt. Es ist Zeit, das zu ändern.
Zweitens: Den Inländervorrang konsequent durchsetzen. Die heutige Stellenmeldepflicht ist zahnlos. Sie informiert, aber sie verpflichtet nicht. Ein wirksamer Inländervorrang muss Arbeitgebern nachweislich abverlangen, dass sie zuerst im Inland gesucht haben, bevor sie im Ausland rekrutieren.
Drittens: Die Qualifikationsfilter für Drittstaaten schärfen. Die Schweiz braucht Fachkräfte – aber sie braucht die richtigen. Kanada und Australien machen vor, wie ein Punktesystem funktioniert: Wer kommt, bringt Qualifikationen mit, die der Arbeitsmarkt tatsächlich nachfragt. Wer diese Kriterien nicht erfüllt, kommt nicht.
Viertens: In Inländerqualifizierung investieren, statt Fachkräfte zu importieren. Die Schweiz bildet zu wenige Informatiker, Ingenieure und Pflegekräfte aus. Statt das Problem durch Zuwanderung zu lösen, muss das Bildungssystem stärker auf die Bedarfslage des Arbeitsmarkts ausgerichtet werden. Das dauert länger, aber es ist nachhaltiger.
Der internationale Vergleich zeigt: Steuerung und Wohlstand schliessen sich nicht aus. Kanada, Australien und Dänemark zählen zu den wirtschaftlich erfolgreichsten Ländern der Welt – und alle drei steuern ihre Zuwanderung aktiv. Die Schweiz kann das auch. Sie muss es nur wollen.
6. Fazit
Die Schweiz wächst schneller, als sie verdauen kann. Das Bevölkerungswachstum steigert das BIP, aber nicht den Wohlstand pro Kopf. Die Kosten – bei Wohnen, Boden, Infrastruktur – tragen jene, die am wenigsten haben. Die Zuwanderung löst den Fachkräftemangel nicht, sie verstetigt ihn. Der Verfassungsauftrag von 2014 bleibt unerfüllt – das ist ein demokratisches Problem.
Die Schweiz steht nicht vor der Wahl zwischen Offenheit und Isolation. Sie steht vor der Frage, ob sie ihr Wachstum gestaltet oder ihm ausgeliefert bleibt. Andere Länder haben gezeigt, dass beides geht: offen sein und steuern. Die Schweiz hat die Instrumente. Sie braucht den Willen, sie einzusetzen.
Literaturverzeichnis
ARE (2024). Siedlungsentwicklung Schweiz. Bundesamt für Raumentwicklung.
Avenir Suisse (2023). Mieten und Mythen. Salvi, M.
BFS (2025). STATPOP 2024. Bundesamt für Statistik.
BFS (2024). Leerwohnungszählung 2024. Bundesamt für Statistik.
BFS (2024). Gebäude- und Wohnungsstatistik (GWS). Bundesamt für Statistik.
Bundeskanzlei (2014). Eidgenössische Volksabstimmung vom 9. Februar 2014.
Bundesverfassung Art. 121a. Steuerung der Zuwanderung.
Favre, S., Föllmi, R. & Zweimüller, J. (2023). Leistungs-Beitrags-Verhältnis AHV. Zit. in IWP PP17.
Helfer, F. et al. (2023). Immigration and Housing Costs in Switzerland. Universität Freiburg.
IWP (2024). Policy Paper Nr. 17: Arbeitsmigration in die Schweiz. Schaltegger, C. A., Portmann, M. & Gysel, J. Universität Luzern.
OECD (2024). International Migration Outlook.
SEM (2025). Jahresstatistik Zuwanderung 2024. Staatssekretariat für Migration.
Wüest Partner (2025). Bevölkerungsprognose Schweiz.